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Müllers Stiefkinder : Die Vorphilabriefe ohne Stempel !
Hubert Jungwirth

Edwin Müllers Katalog der Vorphilastempel von 1961 ist ein elementares Werk der österreichischen Philatelie, der Bestseller über die Stempel auf den österreichischen Altbriefen. Er hat dermaßen eingeschlagen und fasziniert, dass der Großteil der Altbriefsammler sich auf die Jagd nach den Vorphilastempeln gemacht, katalogisiert und auf der Grundlage von Müllerpunkten bewertet und gehandelt hat.


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Abb. 1: Ein klarer Fall für Stempelsammler: Müller Nr. 1528 B ( 40x5 Punkte).

Im Eifer dieses Stempelsammelns sind aber bis heute jene Altbriefe links liegen geblieben, denen das Schicksal keinen Stempel beschert hat, entweder weil ihre Aufgabepostämter noch keinen besaßen oder weil sie, vor allem zwischen 1790 und 1817, keinen verwendeten. Für sie will ich eine Lanze brechen.

Müller hat solche Briefe zwar in seinem Katalog erwähnt und ihnen pauschal ein paar Punkte verliehen, aber nur wenn die handschriftliche Ortsangabe vom Postmeister stammte. Doch solche, auf die der Absender selber schön brav nach Vorschrift den Aufgabeort geschrieben hatte, hat er nicht berücksichtigt. Auch für handschriftliche Vermerke kleiner Herkunftsorte ist kein Müllerpunkt vorgesehen. Logisch, denn für einen Stempelkatalog sind sie kein Thema.

Aber aus der Sicht einer umfassenden Postgeschichte sind stempellose Altbriefe, die genauso mit der Post befördert wurden wie die gestempelten, sehr wohl ein  Thema. Was können sie dafür, dass ihr Aufgabepostamt noch keinen Stempel hatte oder keinen verwendete ? Soll die Tätigkeit eines Postamtes nur über jene Zeit dokumentiert werden, als seine Briefe gestempelt wurden? Soll ein Brief, der 1807 in Eferding aufgegeben und ungestempelt nach Wien gelaufen ist, weniger wert sein als ein gestempelter aus 1835 ? Und soll der handschriftliche Vermerk des winzigen Unterkleindorf über dem Stempel des großen Aufgabeortes wertlos sein?
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Abb 2: Einfacher Halbfrancobrief vom 8.10.1815 aus Ybbsitz. Er wurde am uralten Postamt Amstetten, das laut Müller erst 1820 den ersten Stempel bekam, aufgegeben und mit 6 x Wiener Währung vom Absender zur Hälfte bezahlt. Der Empfänger musste ebenfalls 6x zahlen.

Der Brief unten ( Abb. 3) ist ein Beispiel dafür, dass die Angabe kleiner Absendeorte für die Postgeschichte wertvoller sein kann als der Stempel des Aufgabepostamtes.


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Abb. 3: Für Stempelsammler: Müller Nr. 1036a, 170 Punkte.

Der Postgeschichtliche Sammler lässt sich von diesem Brief unter anderem erzählen, dass er am 14.9.1838 vom Kuraten von Längenfeld geschrieben wurde, dass er als Francobrief aufgegeben wurde, weil das Konsistorium in Brixen kein Porto zu zahlen wünschte, dass er ½ Lot wog und von Obermieming(en) über 9 Posten nach Brixen lief und daher 12 x Conventionsmünze kostete, dass der Absendervermerk von Längenfeld im Ötztal auf Botenbeförderung über den 40 km weiten Weg bis zum zuständigen Aufgabepostamt Obermieming hinweist, dass im dortigen Postamt der bayrische Rayonstempel aus dem Jahr 1811 sogar im Jahr 1838 noch immer nachverwendet wurde.

Schlussfolgerungen:
Wer wirklich nur Stempelabschläge sammeln will, soll nach dem Stempelkatalog sammeln. Wer wirklich Postgeschichte dokumentieren und erforschen will, soll aber nicht unterscheiden, ob die Belege seines Sammelgebiets gestempelt sind oder nicht und soll auch sorgsam auf handschriftliche Ortsvermerke von Absendern achten.
Und wer seltene Belege zu seinem postgeschichtlichen Sammelgebiet sucht, soll nach ungestempelten und solchen mit handschriftlichen Ortsangaben Ausschau halten, weil sie weniger beachtet und daher billiger sind.

(Dieser Artikel wurde geringfügig verändert mit freundlicher Genehmigung des Verfassers und des Herausgebers der Zeitschrift“ Die Briefmarke“, Heft 9, 2007 S.54 entnommen.)

 

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